#SaveTheInternet – über Netzneutralität und die Zukunft des Internets

2016-06-21 09:00
von Kristin Oldenburg
Ist der Zugang zum Internet die Währung der Zukunft?
Foto: Kristin Oldenburg

21.06.2016 - Im Zuge der zunehmenden Digitalisierung bzw. des digitalen Wandels sprechen wir auch von einer Veränderung der Arbeitswelten. Das Internet ist dabei sicherlich einer der Hauptfaktoren, der unsere heutige Welt prägt und verändert. Viele Entwicklungen und Veränderungen sind ohne ein freies Internet kaum denkbar. Doch genau dieses freie Internet und damit auch die #DigitaleTeilhabe aller wäre mit einem möglichen Fall der Netzneutralität in Gefahr. Wir werfen abschließend in unserer Serie über #DigitaleTeilhabe und #NewWork einen Blick auf dieses schwierige Thema.


Das Internet sollte für uns mehr sein als nur ein Ponyhof

Netzneutralität, das ist irgendwie wieder so ein ‘David gegen Goliath’-Ding und dann auch direkt wieder so... So kompliziert? So weit weg? Und überhaupt was geht es mich an? Muss ich mich damit überhaupt beschäftigen? Hat das nicht Zeit? Es ist doch gerade wieder Fußball-EM...

Netzneutraliät ist existentiell wichtig für ein freies und offenes Internet und ein Thema, über das wir nicht aus Bequemlichkeit hinwegsehen sollten. Es geht um #DigitaleTeilhabe, ein für alle unter gleichen Bedingungen erreichbares und nutzbares Internet und auch darum, wie wir die Zukunft des Internets weiterhin aktiv leben und gestalten können. Pünktlich zur EM wird übrigens in Europa entschieden, wie es bei uns in Deutschland mit der Netzneutralität weitergehen soll. Ein Schelm wer Böses dabei denkt…

Netzneutralität und das Ende-zu-Ende-Prinzip

Netzpolitik.org ist sicherlich eine der Adressen, wenn es darum geht, sich über den aktuellen Entwicklungsstand in Sachen Netzneutralität zu informieren. Folgende Definition findet man im Artikel Unser Report deckt auf: Verletzungen der Netzneutralität sind in Deutschland schon jetzt die Regel

„Wir definieren Netzneutralität nach dem Ende-zu-Ende-Prinzip. Wir an den Enden des Netzes sollten das Recht haben, mit jeder Hard- und Software unserer Wahl und über jedes Protokoll, Dienst oder Webseite mit anderen Teilnehmern an den anderen Enden des Netzes kommunizieren zu können – ohne dass jemand in der Mitte sagt, was erlaubt ist, was gedrosselt wird oder eben nicht genutzt werden darf.“

Zugegeben, dass mit der Netzneutralität ist schon etwas abstrakt und sicher nicht im ersten Anlauf zu verstehen. Zu Grunde liegt schlicht und einfach die Annahme, dass alle Menschen das gleiche Recht auf ein offenes und freies Internet haben sollen. Und das meint ein Internet ohne gravierende Einschränkungen und Regulierungen durch u.a. die, die uns die Infrastruktur dafür zur Verfügung stellen, die Netzbetreiber.

Spezialdienste und das Rennen um die Spitzenplätze in der Digitalisierung

Die Netzbetreiber sind sicherlich die größten Gegner der Netzneutralität. Die Idee eines neutralen Netz ist es, dass es so wenig kostenpflichtige Schranken und Barrieren wie möglich gibt. Was aber passiert, wenn die Netzneutraliät ins Wanken gerät? Plötzlich könnten die Netzbetreiber zum Beispiel für das Abspielen von Videos oder für die Nutzung von Facebook Gebühren verlangen. Solche sogenannten Spezialdienste würden von eben auf jetzt explosionsartig auf den Markt kommen, um Geld in die Kassen der Netzbetreiber zu bringen. Findigen Geschäftsideen wären dabei keine Grenzen gesetzt. Spezialdienste können nahezu jede für uns jetzt alltägliche Anwendung im Internet zukünftig auf kostenpflichtige Kanäle umleiten. Und diese zusätzlichen Einnahmen werden auch dringend benötigt, denn es wurde lange Zeit versäumt, in neue Technologien und den Ausbau der Netze zu investieren. Und wir benötigen dringend mehr Netz, steigt doch der Traffic, der durch unser Leitungen fließt, stetig an - laut aktueller Statistiken verdoppelt er sich alle 12 Monate.

Nun haben die Netzbetreiber so lange auf alte Techniken gesetzt, wie es möglich war - und jetzt kommt der Punkt wo investiert werden muss - und genau das möchte man sich vom Endanwender bezahlen lassen. Doch das Pferd, auf das man dabei setzen will, ist sprichwörtlich ein totes: statt neuer Glasfaserverbindungen sollen die alten Kupferdrähte via Vectoring leistungsfähiger gemacht werden. Im internationalen Vergleich ist es dann aber eben doch nur ein lahmer Ackergaul, den man vollgepumpt mit Dopingmitteln auf die Rennbahn schickt. Am Endes steht als Zukunftsvision ein Netz, welches von wenigen großen Anbietern dominiert werden wird. Innovationen ohne viel Budget in der Hinterhand werden kaum noch Chancen haben am Rennen teilzunehmen, für alle mit kleiner Portokasse bleibt dann nur noch die Führzügelklasse auf dem Ponyhof.

Die düstere Vision: Nur wer zahlt, kann sich zukünftig mit performanter Leistung, vollem Funktionsumfang und bei freier Wahl der gewünschten Tools und Dienste durch das Internet bewegen.

Wir sollten versuchen aktiv Stellung zu beziehen

Dieser Artikel kann und will nur einen kurzen Einstieg in das Thema schaffen. Er möchte auffordern, sich zu informieren, das Thema zu verfolgen und sich für unser Recht auf ein offenes und freies Internet stark zu machen. Er möchte den Aufrufen von digitalen Vordenkern folgen, wie Markus Beckedahl von netzpolitik.org, Prof. Barbara van Schewick von der Stanford University und auch Sascha Lobo. Welche immer wieder darauf hinweisen, dass wir uns mit der Materie beschäftigen müssen, dass wir für ein freies Internet aufstehen und kämpfen sollten. Denn wenn man eines beobachten kann, dann dass viele von uns das Internet nur passiv konsumieren – es ist doch da, worüber also nachdenken, worüber sich also aufregen. Wir müssen wieder lernen zu hinterfragen, zu diskutieren und auch zu demonstrieren. Durch das Internet, wie wir es jetzt nutzen können, haben wir die Möglichkeit, uns gegen Riesen zu behaupten, nur dürfen wir uns vorher nicht von ihnen in Ketten legen lassen.

Ein Blick über den Tellerrand: der Kampf um Netzneutralität in den USA

In den USA ist man in der Bewertung des Themas schon einige Schritte weiter. Befürworter und Gegner der Netzneutralität haben sich bereits vor Gericht getroffen. Unter dem Schlachtruf „Gleiches Recht für alle Daten“ konnten sich die Befürworter der Netzneutralität im Juni 2016 durchsetzen – im dritten Anlauf konnte die Klage der Gegner abgeschmettert werden. Die Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC) hat die Gleichbehandlung aller Datenpakete in drei Geboten, man könnte auch sagen Verbote, für auf dem Markt verfügbare Breitband-Internetzugänge festgelegt: Keine Websperren, kein Throttling, keine bezahlte Priorisierung.

Die drei Gebote des FCC zur Netzneutralität

  1. Keine Websperren für rechtmäßige Inhalte, Anwendungen, Dienste oder unschädliche Geräte.
  2. Keine Tempobremsen (Throttling) für "legalen Internetverkehr" auf Basis rechtmäßiger Inhalte, Anwendungen, Dienste oder unschädlicher Geräte.
  3. Keine Bevorzugung legalen Internetverkehrs gegenüber anderem legalen Internetverkehr im Austausch gegen Zuwendungen jeglicher Art. Auch eigene Inhalte und Dienste dürfen die Breitbandanbieter nicht bevorzugen.

(Quelle: heise.de: US-Berufungsgericht weist Klage gegen Netzneutralität ab)

Aus den USA blickt man inzwischen besorgt nach Europa, international anerkannte Experten wie Barbara van Schewik, Leiterin des Center for Internet and Society an der Stanford Law School, sehen durch aktuelle Entwicklungen das freie Internet in Europa stark gefährdet. Schon jetzt gibt es viele Hintertüren, schon jetzt ist das Netz nicht für alle gleich. Anstehende Entscheidungen auf EU-Ebene könnten diesen Zustand noch weiter verschlimmern. Sehr zu empfehlen ihr Talk auf der re:publica 2016 – #SaveTheInternet – a new hope for net neutrality in Europe. "Die Zukunft des Internets in Europa steht auf dem Spiel." so van Schewik. Auch hier hören wir wieder die Aufforderung öffentlichen Druck aufzubauen, um Entscheidungen in die richtige Bahn zu lenken.

Und was können wir konkret tun?

  1. Informiert euch über das Thema, fast alle großen Medien haben Sammelbeiträge eingerichtet, die man gut verfolgen kann: Zeit, Spiegel, Heise, Golem, netzpolitik.org.
  2. Geht auf Veranstaltungen und hört euch z.B. beim CCC oder anderen Veranstaltungen Vorträg an. Lest im Internet bei netzpolitik.org, oder gebt auf Websites wie #SafeTheInternet eure Stimme ab.
  3. Diskutiert und schafft so eine aktive und mündige digitale Gesellschaft. Nicht ohne Freude möchte ich an dieser Stelle Markus Beckedahl zitieren, der sagt „Vernetzt euch, schafft lokale Infrastrukturen... Versucht mal einen einen Webmontag, oder digitalen Gesellschaftsabend aufzuziehen.“
  4. Kontaktiert eure Abgeordnete. Und kontaktiert sie direkt! Geht nicht den offiziellen Weg, sondern den direkten Weg – ansonsten filtern wohlmöglich Berater eure Anfrage heraus und sie erreicht den Adressaten nicht.
  5. Spendet und/oder unterstützt Organisationen wie netzpolitik.org oder den Chaos Computer Club. Wer nicht glaubt wie wichtig dies ist, dem empfehle ich den viel zitierten Vergleich von Sascha Lobo auf der re:publica 2014 über die Spendenbereitschaft unserer Eltern für die Bekassine.

Zeit für ein kurzes Fazit

Während ich diesen Artikel schreibe, sitze ich bei Regen auf einer kleinen Insel in Dänemark und freue mich über jeden Moment, wo das WLAN halbwegs stabil läuft. Könnte ich in diesem Moment für eine bessere Übertragungsrate zahlen, ich würde es sofort tun. In den letzten Jahren ist das Internet nicht nur ein fester Bestandteil unserer Arbeitswelt geworden, es begleitet uns in so vielen Bereichen unseres Lebens - digitale Weltenbummler wie ich, nehmen es sogar mit in den Urlaub. Wenn ich mir vorstellen müsste, dass die schlechte Anbindung nicht an der mangelnden Technik im Ferienhaus liegt, sondern gewollt herbeigeführt wird von Netzbetreibern - ich würde mich fragen, warum ich nicht viel früher meine Stimme für ein freies Internet erhoben habe. Es wird wohl mal Zeit in Hamburg einen Webmontag zum Thema Netzneutralität auf die Beine zu stellen.

Vielen Dank an dieser Stelle auch an René Sasse, welcher mich für das Thema sensibilisiert und in die technischen Aspekte der Materie eingeführt hat.


Linksammlung

netzpolitk.org, Markus Beckedahl auf der re:publica 2016: Fight for your digital rights

change.org, Markus Beckedahl: Netzneutralität sichern - Rettet das freie Internet!

Rene Sasse - Unsere Netzpolitik - ihr redet nur und tut doch nichts

heise.de, Stefan Krempl - re:publica: Die Zukunft des offenen Netzes steht auf dem Spiel

Bundesnetzagentur - Netzneutralität

Gründerszene, Niklas Wirminghaus - Die Netzneutralität ist Geschichte – jetzt will die Telekom Startups schröpfen

netzpolitik.org, Tomas Rudl - Breitbandausbau auf Kosten des Wettbewerbs: Bundesnetzagentur kann sich Umstellung auf Vectoring vorstellen

spiegel.de - Schnelles Internet: Netzagentur erlaubt Telekom umstrittenen Vectoring-Ausbau


Kristin Oldenburg

Senior Art Director Digital mit einer großen Passion für Code und Events. In Hamburg unterstützt Kristin als Webstrategin und Netzdenkerin die digitale Szene mit den Projekten Webmontag Hamburg und Digital Mesh.


Wir beleuchten in diesem Blog verschiedene Aspekte von New Work und digitaler Teilhabe. Im Wechsel kommen Gastautoren als auch das Team von Digital Mesh zu Wort. Wir freuen uns auf interessante Inhalte, über die wir gerne weiter mit Euch sprechen.

Ein besonderer Dank geht an Microsoft, welche uns in äußerst unbürokratischer Art und Weise unterstützen, diesen 'Content Hub' mit Gedanken zum Digitalen Wandel vor allem unserer Arbeitswelten zu befüllen.


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