4 Minuten mit Robert Beddies

2016-05-10 09:08
von Julia Kottkamp

“Wir verstehen diese Geschwindigkeit nicht.”

Foto: Attila Erüstün

10.05.2016 - Gemeinsam mit Microsoft konnten wir auf der Social Media Week 2016 einen Abend rund um das Thema
#DigitaleTeilhabe  organisieren. Doch was bedeutet das eigentlich für unsere Gesellschaft? Im Rahmen des Networking-Events haben wir versucht, dieser Frage in zahlreichen Gesprächen auf den Grund zu gehen. Um einzelne Stimmen einzufangen, hat Julia Kottkamp von "40 Stunden" Interviews mit Gästen geführt. Hier ist nun der fünfte Beitrag mit Robert Beddies vom betahaus Hamburg.


Wenn Du eine App wärst, welche wärst du dann?

Ich wäre eine App, die es mir erlauben würde, Berufliches und Privates perfekt zu kombinieren bzw. auch zu trennen. Ich würde gerne die Aufteilung zwischen Arbeitszeit und privater Zeit so auflösen, dass das eine mich nicht im Modus des anderen nervt. Es ist nach wie vor so, dass wenn ich auf der Arbeit bin und etwas Privates mache, das schlechte Gewissen hochkommt. Und andersherum. Es gibt diese neue Arbeitswelt, aber man ist mental immer noch in den alten Mustern drin. Letztendlich ist die Digitalisierung aber so weit vorangeschritten, dass es naiv ist zu glauben, dass man abends das Handy ausmacht und dann die Arbeit getan ist. Die Zeiten haben sich gewaltig geändert.

Welche ist die wichtigste real existierende App auf deinem Handy?

Slack ist meine meistgenutzte App. Wobei mich stört, dass ich sie eigentlich nur beruflich nutzen wollte und sich dann teilweise ganz leise auch Privates einschleicht. Ansonsten nutze ich Evernote, um mein berufliches und privates Leben zu organisieren. Und ich nutze weiterhin viel Facebook. Die meistens Apps nutze ich, um mit anderen Menschen zu kommunizieren. Was daran allerdings nervt, ist, dass es mindestens zehn verschiedene Apps sind und manchmal weiß ich nicht mehr, wann ich wo mit wem gesprochen habe.

Wie beeinflusst der Internetempfang dein Aufwachen?

Leider beeinflusst es mich sehr, weil ich einer von den Menschen bin, die sich vom Handy wecken lassen. Das heißt, wenn ich morgens aufwache und den Wecker aussnooze, dann checke ich direkt meinen Facebook-Newsfeed und meine E-Mails. Ich bin sofort online. In derselben Sekunde, in der ich wach werde, habe ich mein Handy in der Hand und es geht los. Und irgendwie denke ich, dass das eine der schlimmsten Entwicklungen überhaupt ist, über Facebook und Whatsapp wach zu werden. Ich bin da echt am Ringen mit mir.

Kannst du in einem Satz sagen, was die Digitalisierung für dich ist?

Sie bedeutet die totale Integration von allem, was ich beruflich und privat mache und organisieren muss. Durch die Digitalisierung geht einfach alles ineinander über. Von privatem Konsum bis mit Freunden verabreden, bis hin zur Organisation von Projekten. Es gibt immer weniger abgrenzbare Lebensbereiche, die nichts mit der Digitalisierung zu tun haben oder dadurch beeinflusst werden.

Meine Oma ist 78, mein Opa 80. Die Leben in einem kleinen Dorf in der Eifel, 120 Einwohner, Durchschnittsalter 65. Eine Kapelle und ganz viele Kühe. Und dienstags und samstags kommt das Milchauto und bringt Brot und Eier. Und wir hier haben alles jeden Tag und noch blinkende Telefone oben drauf. Wer ist glücklicher?

Die Frage finde ich zu plakativ, weil man natürlich geneigt ist zu antworten: "Klar, deine Großeltern." Sie werden einfach von ganz viel belanglosem Zeug nicht genervt und können bei den elementareren Dingen verharren. Facebook ist da doch ein gutes Beispiel: Was von dem, was du da mitbekommst, hat eine wirkliche Relevanz für dich? Alles ist irgendwie nicht uninteressant, aber so richtig relevant und so einen richtigen Wissensgewinn sehe ich oft auch nicht. Ich glaube aber, dass deine Frage einfach nur eine bedingte Relevanz für mich hat. Ich denke, dass man sich diesem Digitalisierungstrend gar nicht mehr entziehen kann. Wenn ich mich nicht komplett aus dem ausklinken möchte, was die Gesellschaft heutzutage ausmacht, wenn ich nicht komplett darauf pfeifen möchte, womit ich mein Geld verdienen möchte oder meine Kinder ernähren will, dann stellt sich diese Frage schlicht nicht. Ich kann schlicht nicht aufs Land ziehen, mich selber versorgen und glückliche Kühe streicheln. Wenn ich das tun würde, dann müsste ich einen solch radikalen Lebenswandel durchstehen und müsste mich so stark von meinem sonstigen Leben abgrenzen - von meinen Freunden, auch von meiner Familie mittlerweile, von allem, was mir wichtig ist -, dass es echt einfach keine Option für mich ist.

Was würdest du sagen, wird immer analog bleiben?

Meine Schallplatten. Und Reisen. Da passieren tausend analoge Momente. Reiseorganisation ist natürlich digital und das funktioniert fast überall auf der Welt. Aber die Begegnungen mit Menschen sind immer analog.

Was muss die Digitalisierung noch erreichen, damit du unfassbar glücklich und happy mit ihr bist?

Ich glaube, dass ich mich niemals hundertprozentig über die Digitalisierung freuen werde. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass die Entwicklung schneller ist als ich und ich diese Geschwindigkeit nur bedingt halten und mitgehen kann. Immer wenn ich anfange, neue Möglichkeiten für mich zu bewerten, ist die Digitalisierung schon wieder vorausgeeilt und bietet schon wieder neue Lösungen. Der Zustand, dem ich mich annähern möchte, ist, dass ich immer einen gesunden Überblick darüber habe, was die Digitalisierung bedeutet. Es würde mich sehr zufrieden stellen, weniger reaktiv zu agieren und die Welle eher von vorne abzureiten.

Kannst du sagen, was der heißeste Shit in der Digitalisierung in 15 Jahren sein wird?

Ganz klar: Nein. Dazu glaube ich viel zu sehr an Moore und dass der Mensch gar nicht erfassen kann, was exponentielles Wachstum in technologischen Bereichen mit uns machen kann. Technik wird aber definitiv immer mehr zu einem integralen Bestandteil des menschlichen Miteinanders werden. Und wir werden es vielleicht immer weniger spüren, weil wir weniger komplizierte Geräte bedienen müssen, da die Technik immer mehr auf uns reagieren wird - zum Beispiel durch Sprachsteuerung, Gestensteuerung oder künstliche Intelligenz. Es wird sich einfach unbemerkt in unseren Alltag einspielen. Aber wie genau, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist das auch gut so.

Interview: Julia Kottkamp, 40 Stunden


Robert Beddies

Robert Beddies ist seit 2015 Geschäftsführer des betahaus Hamburg, einem der größten europäischen Coworking Spaces. Für die 400 Coworker, die im betahaus arbeiten, ist der Umgang mit der Digitalisierung ein wichtiger Bestandteil ihres beruflichen und privaten Alltags.


Alle Interviews in der Übersicht

Boris Arnold - His & Hers - "Die digitale Welt ist wahnsinnig laut, wahnsinnig schnell und wahnsinnig immer."

Gesa Rasch - NKI Consulting - "Irgendwann haben wir keine Erinnerung mehr an die Welt vor der Digitalisierung."

Rene Sasse - IPHH - "Ich wünsche mir deutlich mehr Menschen, die die Digitalisierung wirklich verstehen und leben."

Diana Heinrichs - Microsoft - "Wenn meine Oma die Technik verstehen würde, das wäre super."

Robert Beddies - betahaus - “Wir verstehen diese Geschwindigkeit nicht.”

Martin Giese - hamburg.de - "Dank der Digitalisierung stellst du fest, dass du nicht alleine auf der Welt bist."

Dr. Katrin Prüfig - Die Medientrainer - "Ich bin über jeden Weg froh, den mir das Internet abnimmt."


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