4 Minuten mit Martin Giese

2016-05-24 09:08
von Julia Kottkamp

"Dank der Digitalisierung stellst du fest, dass du nicht alleine auf der Welt bist."

Foto: Attila Erüstün

24.05.2016 - Gemeinsam mit Microsoft konnten wir auf der Social Media Week 2016 einen Abend rund um das Thema
#DigitaleTeilhabe  organisieren. Doch was bedeutet das eigentlich für unsere Gesellschaft? Im Rahmen des Networking-Events haben wir versucht, dieser Frage in zahlreichen Gesprächen auf den Grund zu gehen. Um einzelne Stimmen einzufangen, hat Julia Kottkamp von "40 Stunden" Interviews mit Gästen geführt. Hier ist nun der sechste Beitrag mit Martin Giese von hamburg.de.


Wenn du eine App wärst, welche wärst du dann?

Ich wäre die alte Foursquare App. Ich bin einfach viel unterwegs und treffe ganz viele Leute. Das passt.

Und welche ist deine wichtigste App?

Twitter.

Wie beeinflusst das Internet dein Aufwachen?

Die Nutzung des Internets bedeutet in dem Fall das Anstöpseln an die Welt. Das findet bei mir relativ unmittelbar nach dem Wachwerden statt. Der Wecker klingelt, ich schalte mein Handy ein, checke Mails, mache eine Radio-App an und gucke was passiert ist, während ich in der Nacht nicht unterwegs war.

Kannst du mir in einem Satz sagen, was Digitalisierung für dich bedeutet?

Ich fürchte, ich kann das nicht in einem Satz beantworten, weil ich aus der Generation komme, in der Digitalisierung gleichzeitig Fluch und Segen ist. 

Ist das Thema zu komplex, um es in einen Satz zu stecken oder zu fremd?

Es ist zu ambivalent. Ich würde zum Beispiel nicht unterschreiben können, wenn gesagt wird „Digital ist per sé besser.“ Dinge vermischen sich. Gerade im Bereich der Kommunikation ist die Digitalisierung eine großartige Entwicklung. Aber in anderen Bereichen ist es halt einfach so, dass die Freiräume verschwinden. Und ich fürchte – aus meiner Perspektive - dass da möglicherweise auch eine Menge kaputtgeht, was man eigentlich bewahren sollte.

Aber wenn wir mal den Blick auf das Positive werfen. Was ist das Gute an der Digitalisierung?

Kommunikation. Der Zugriff auf Inspirierendes und auf Gleichgesinnte. Du findest plötzlich einfach noch vergleichbare Spinner auf der Welt. Du bist nicht mehr nur auf deine Straße, dein Dorf, deine Stadt angewiesen. Du stellst fest, dass du nicht alleine auf der Welt bist. Das ist super!

Was wird für dich immer analog bleiben?

Die Haptik. Digital ist für mich nicht greifbar. Und es gibt gewisse Rituale, die werden für mich immer haptisch bleiben, weil es für mich sinnliche Elemente sind - zum Beispiel das Auflegen einer Schallplatte. Spotify und iTunes sind da echt keine Alternative für mich. Dann hast du eine Million Songs in deinem Stream und baust zu keinem eine wirkliche Beziehung auf. Ich beobachte das bei meiner Tochter. Die hat unendliche Quellen für Musik. Und ich frage mich jedes Mal: „Wie willst du jemals rausfinden, was dich kickt wenn du so viel gleichzeitig hast?“ Ein gewisses Bemühen um die Dinge, eine gewisse Rarität ist verloren gegangen durch das Digitale. Das hat den Vorteil, dass du den Zugriff auf ganz viel hast und dir bleibt weniger verschlossen. Aber es hat den Nachteil, dass man in eine Spirale kommt. Es gibt noch was und noch was und man hat Angst, etwas zu verpassen - the fear of missing out. Das bringt Unruhe. 

Was glaubst du, ist der größte Digitalisierungstrend in 15 Jahren?

Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht weiß, wohin sich die Gesellschaft in Zukunft entwickeln wird. Es geht auch um neue Arbeitsformen und mit Hilfe der Digitalisierung könnte man da eine Menge Freiheitsgrade erreichen. Dinge werden effizienter. Möglicherweise könnte man irgendwann sagen, dass sechs Stunden Arbeit pro Tag reichen. Wenn wir das hinkriegen würden, dann wäre das für mich eine immense Lebensqualitätssteigerung. Ich befürchte allerdings, dass wir weiterhin acht und mehr Stunden arbeiten, nur eben in der Summe weniger Leute. Und das ist nur eine gesellschaftliche Frage, die sich mir im Zusammenhang mit der Digitalisierung stellt. Die Digitalisierung an sich bietet großartige Möglichkeiten an Effizienzsteigerung, Kommunikation, Vernetzung und an Inspiration. Die Frage ist nur, wer, wie, was und wann entscheidet, wie die Konsequenzen davon aussehen. 

Das heißt du sagst voraus, dass da unglaubliche Herausforderungen vor uns liegen.

Ich glaube, dass wir allgemein den Fehler machen, die Begeisterung für das Digitale ohne die Gesellschaft zu denken. Ein Beispiel: Da sagt einer „Die BKK bietet mir 10% Preisnachlass auf meine Krankenversicherung, wenn ich einen Fitness Tracker trage.“ Da frage ich mich, wie lange so eine Sache noch optional bleibt. In fünf Jahren wirst du so ein Ding tragen müssen, damit du nicht 15% Aufschlag zahlen musst. Oder du kriegst gar keinen Vertrag mehr. Wir als Vordenker der Digitalisierung müssen sowas berücksichtigen und damit umgehen. Die Mehrheit der Gesellschaft geht nicht so digital um, wie wir es hier auf Events wie der Social Media Week tun. Deswegen ist es unsere Aufgabe, diese Entwicklung ganz genau mitzudenken. Ich glaube, dass die gesellschaftliche Komponente einen stärkeren Einfluss in der Diskussion um die Digitalisierung annehmen muss. 

Interview: Julia Kottkamp, 40 Stunden


Martin Giese

Im Netz bin ich soulstewmartin oder Martin Soulstew – benannt nach meiner Radiosendung auf FSK Hamburg. Tagsüber bin stv. Chefredakteur bei hamburg.de und für Social Media verantwortlich, abends brenne ich für Musik, Kunst, Off-Events und meine Tochter.

Martin Giese bei about.me


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